Ähnlich wie Bilder können auch Texte dazu anregen, sich vertieft mit eigenem Erleben auseinanderzusetzen, sich in Frage zu stellen und neue, bisher nicht belebte Bereiche der eigenen Seele wahrzunehmen. Sie sind eingeladen, hier weiterzulesen …
Innerer Weg
Man muss den Dingen
die eigene, stille,
ungestörte Entwicklung lassen, die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann;
Kein Wasser, kein Mond
Als die Nonne Chiyono unter Bukko von Engaku Zen studierte, war sie lange Zeit unfähig, die Früchte der Meditation zu
ernten. Schließlich, in einer Mondnacht, holte sie Wasser in einem alten Eimer, der mit Bambus zusammengebunden war. Der Bambus riss, und der Boden fiel aus dem Eimer, und in diesem Augenblick wurde Chiyono befreit!
C.G.Jung, GW, Band 18/2, §1095 ff.
… Die Individuation entzieht den Menschen der persönlichen Einstimmigkeit und damit der Kollektivität. Das ist die Schuld, die der Individuierte der Welt hinterlässt und die er einzulösen sich bemühen muss. Er hat an Stelle seiner selbst ein Lösegeld zu zahlen, das heißt, er muss Werte hervorbringen, die seine Abwesenheit in der kollektivpersönlichen Atmosphäre äquivalent ersetzen.
Leonard Cohen: “Anthem”. Live in London 2008
The birds they sang at the break of day Start again I heard them say Don’t dwell on what has passed away or what is yet to be.
Innerer sicherer Ort
Ich möchte Sie einladen, die Übung des sicheren inneren Ortes zu machen. Lassen Sie Gedanken oder Vorstellungen oder Bilder aufsteigen von einem Ort, an dem Sie sich ganz wohl und geborgen fühlen … Dieser Ort kann auf der Erde sein, er muss es aber durchaus nicht. Er kann auch außerhalb der Erde sein.
Maol a Chliobain
Vorzeiten lebte eine Witwe, und sie hatte drei Töchter; die sagten zu ihrer Mutter, sie wollten ausziehen, ihr Glück zu machen…
Schale der Liebe
Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal,
der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt,
während jene wartet, bis sie gefüllt ist.
Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter. Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen und habe nicht den Wunsch, freigiebiger zu sein als Gott.
Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss, wird sie zur See. Du tue das Gleiche! Zuerst anfüllen, und dann ausgießen.
Die gütige Liebe ist gewohnt überzuströmen, nicht auszuströmen.
(von Bernhard von Clairvaux)
Ohne zu lügen
Schaffe in mir Gott ein neues Herz
das alte gehorcht der Gewohnheit
Schaff mir neue Augen
die alten sind behext vom Erfolg
Schaff mir neue Ohren
die alten registrieren nur Unglück
und eine neue Liebe
zu den Bäumen
statt der vollen Trauer
Eine neue Zunge gib mir
statt der von der Angst geknebelten
Eine neue Sprache gib mir
statt der gewaltverseuchten
die ich gut beherrsche
Mein Herz erstickt
an der Ohnmacht aller
die deine Fremdlinge lieben
schaffe in mir Gott
ein neues Herz
Und gib mir einen neuen Geist
dass ich dich loben kann
ohne zu lügen
mit Tränen in den Augen
wenns denn sein muss
aber ohne zu lügen.
(Dorothee Sölle, Loben ohne Lügen, Gedichte. Fietkau – Verlag)